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~ 981 ~
Der rothaarige Junge starrte auf das Schiff.
Es war fast Mitternacht. Das Meer sah aus wie verstaubtes Silber, der Himmel wie bleiches Grau. Hier in Dyflin war die Nacht im Juli so gut wie verbannt. Nur etwa eine Stunde lang herrschte gerade so viel Dunkelheit, dass man ein paar Sterne sehen konnte; aber für den Rest der kurzen Zeit, in der die Sonne nicht schien, war die Welt erfüllt von jenem seltsam leuchtenden Grau, das für die Mittsommernächte der nördlichen Meere typisch ist.
Lautlos glitt das Schiff dahin, vorbei an bleichen Sandbänken. Ohne die Ruder einzusetzen, ließ die Besatzung das Schiff von der Brise am nördlichen Ufer entlang in die Liffey–Mündung treiben.
Harold hätte um diese Zeit eigentlich in seinem Bett liegen und schlafen müssen. Aber manchmal, besonders in Sommernächten wie dieser, schlich er sich aus dem Haus, holte sein Pony von der Weide und ritt hierher zur Küste, um das endlose, silbergraue Wasser der Bucht zu beobachten, das ihn mit einer magischen Kraft, von der er nichts begriff, ebenso anzuziehen schien, wie die Gezeiten auf unsichtbare Weise vom Mond angezogen werden.
Es war das größte Schiff, das er je gesehen hatte. Seine lang gestreckten Konturen glichen einer riesigen Seeschlange; sein hoch gezogener, geschwungener Bug schnitt so gleichmäßig durch das Wasser wie eine Axt durch flüssiges Metall. Sein riesiges quadratisches Segel ragte hoch über der Sandbank hervor und verdeckte ein Stück Himmel, und selbst in diesem Zwielicht konnte er erkennen, dass es schwarz und ockerfarben wie getrocknetes Blut war – denn es war ein Wikingerschiff.
Aber Harold hatte keine Angst, denn er war selbst ein Wikinger, und diese Gewässer wurden nun einmal von den Wikingern beherrscht.
Und so sah er furchtlos zu, wie die schwarze Seeschlange mit ihrem Segel an ihm vorüberglitt. Er wusste, dass sie nicht nur bewaffnete Männer – denn es herrschten gefährliche Zeiten sondern auch reiche Ware mit sich führte. Vielleicht konnte er am nächsten Tag seinen Vater dazu überreden, ihn zum Hafen mitzunehmen, damit er es sich ansehen konnte.
* * *
Er war froh, dass sein Vater ihn mit zum Hafen nahm. Es war bereits heller Tag, als sie von ihrem Hof aufgebrochen waren und durch die Ebene der Vogelscharen ritten. Der Himmel war strahlend blau, und die Sonne schien auf das rote Haar seines Vaters.
Niemand kommt meinem Vater gleich, dachte Harold, keiner ist so tapfer und stark wie er. Wenn Harold ihm auf dem Hof zur Hand ging, trieb sein Vater ihn häufig dazu an, etwas länger zu arbeiten, als er wollte. Aber wenn er bedrückt war, erzählte Olaf, sein Vater, ihm eine Geschichte, die ihn zum Lachen brachte. Und wenn sein Vater ihn mit seinen starken Armen in die Luft hob, ihn schwungvoll auf sein Pony setzte und ihn neben seinem eigenen prächtigen Pferd hertraben ließ, dann fühlte Harold etwas, was mehr als Glückseligkeit war. Dann war ihm, als ströme eine Woge der Kraft durch seinen kleinen Körper, und seine blauen Augen strahlten. Da wusste er, was es hieß, sich frei zu fühlen. Frei wie ein Vogel in der Luft. Frei wie ein Wikinger auf offener See.
Inzwischen war es bereits zwei Jahrhunderte her, seit die Wikinger von Skandinavien aus auf abenteuerlichen Fahrten die nördlichen Meere erkundet hatten. Als Piraten, Händler und Forscher brachen sie von ihren nördlichen Buchten aus in ihren schnellen Langschiffen auf, und schon bald lernten in ganz Europa die Menschen das Zittern, wenn sie sahen, wie von der See her ihre quadratischen Segel oder vom Flussufer herauf ihre mächtig gehörnten Helme nahten. Von Schweden her zogen sie bis zu den riesigen Flüssen von Russland hinunter; von Dänemark her verwüsteten sie die nördliche Hälfte von England, die sie daraufhin besiedelten. Sie segelten südwärts nach Frankreich und in das Mittelmeer: Die Normandie und das normannische Sizilien wurden ihre Kolonien. Westwärts zogen sie zu den schottischen Inseln, der Isle of Man, nach Island, Grönland und sogar bis nach Amerika. Und es waren die Wikinger aus Norwegen, die, als sie zu der lieblichen Insel westlich der britischen gelangten, ihre natürlichen Häfen erforschten, ihren keltischen Namen Eriu – den sie als Eire aussprachen – in ihre eigene Sprache umwandelten und ihr erstmals den nordischen Namen Ire–Land gaben.
Harold wusste, wie seine Vorfahren nach Irland gekommen waren. Sein Vater hatte es ihm oft genug erzählt. Fast eineinhalb Jahrhunderte waren vergangen, seit die riesige Flotte von sechzig Langschiffen in die Liffey–Mündung gesegelt war. »Und der Großvater meines Großvaters, Harold Rothaar, befand sich in einem von ihnen«, hatte Olaf ihm stolz erzählt. Eine größere Abteilung sei flussaufwärts bis zur Hürdenfurt gerudert. Sie wären dort an einem Grabhügel vorbeigekommen und hätten einen kleinen Rath entdeckt, der einer Anlegestelle, einem dunklen Teich sowie einem kleinen Kloster auf der Anhöhe Schutz bot. Die heidnischen Nordmänner waren enttäuscht über ihre Ausbeute: Die aus Stein erbaute Kapelle enthielt nur ein bescheidenes Kreuz und einen Kelch aus Gold.
Aber wenn in der Handelsniederlassung und ihrem kleinen Kloster auch nur wenig Beute zu machen war, sahen die Wikinger, wie viel versprechend diese Lage war: Ganz in der Nähe lief das alte keltische Landstraßennetz zusammen und nutzte die Furt als Flussübergang; der Gezeitenhafen war auf natürliche Art geschützt, und das Umland war fruchtbar. Außerdem war die Umgebung des Rath leicht zu verteidigen.
Also hatten die Nordmänner – wie sie oft genannt wurden sich dort angesiedelt. Schon bald waren ein kurzes Stück weiter flussaufwärts hinter der Furt ein dicht gedrängtes Gewirr von Hütten aus Holzbalken und Weidengeflecht sowie ein Wikingerfriedhof entstanden. Als sie erfuhren, dass der dunkle Teich in der Landessprache Dubh Linn genannt wurde, schufen sich die Nordmänner ihre eigene Version des Namens: Dyflin. Bald hatten die Wikinger – die sich selbst »Männer aus dem Osten« nannten – die ganze Gegend nördlich der Liffey–Mündung besiedelt. Und so kam es, dass die einstige Ebene der Vogelscharen noch einen weiteren keltischen Namen erhielt, nämlich Fine Gail – »die Gegend der Fremdländer« –, woraus bald Fingal wurde. Hier hatten auch Harolds Eltern ihr Gehöft.
Als Harolds Vorfahre und die norwegische Flotte an jenem Tag in Dubh Linn gelandet waren, hatten die Männer des Rath gar nicht erst versucht, sich ihnen im Kampf entgegenzustellen. Da ein einziges Wikinger–Langboot mit etwa dreißig bis sechzig streitbaren Kriegern bemannt war, wäre jeder Widerstand ohnehin aussichtslos gewesen. Und dank dieses freundlichen Empfangs hatten die blonden Norweger die Bewohner der Handelsniederlassung unter ihren Schutz genommen.
Das bedeutete aber nicht, dass die letzten eineinhalb Jahrhunderte völlig friedlich verlaufen wären. Aber für Harold waren die Küstenebene von Fingal und die kleine Stadt Dyflin herrliche Gegenden. Und als sich heute, während sie den lang gestreckten Abhang zum Liffey hinunterritten, eine graue Wolkenbank über den Himmel zog, die die Landschaft verdüsterte, hatte dies seine gute Laune in keiner Weise getrübt.
Das Handelsschiff war vom Hafen von Waterford an der Südküste der Insel gekommen. Rund um die irischen Küsten gab es eine ganze Reihe Häfen – die in der Hand der Wikinger waren. Während die Kampfschiffe der Wikinger lang und schlank waren, hatten ihre Handelsfahrzeuge mittschiffs eine breite Ausbuchtung, die es ihnen erlaubte, in ihrem Bauch eine beträchtliche Menge Waren mitzuführen. Das Schiff aus Waterford hatte eine Ladung Wein aus Südwestfrankreich mitgebracht, und Harolds Vater hatte vor, ein paar Fässer zu kaufen. Während Olaf also mit den Händlern redete, bewunderte sein Sohn gerade die schnittigen Linien des Schiffs, als er von irgendwo hinter sich eine Stimme vernahm.
»He, du. Krüppeljunge. Ich red mit dir!«
Harold wandte sich um und erblickte einen blassen, schwarzhaarigen Jungen von neun bis zehn Jahren. Er hatte Norwegisch und nicht Irisch gesprochen, und da Harold ihn nie zuvor gesehen hatte, nahm er an, dass er mit diesem Schiff gekommen sein musste. Er fragte sich, ob er den groben Fremdling nicht einfach ignorieren sollte, aber dies könnte nach Feigheit aussehen, und so humpelte er zu ihm hin. Der Junge glotzte auf seine Beine, als er sich näherte.
»Wer bist du?«, fragte Harold.
»Der da ist dein Vater, hab ich Recht?«, meinte der Junge, seine Frage missachtend, und nickte in Richtung von Olaf, der ein Stück weit entfernt stand. »Der da mit dem gleichen roten Haar wie du.«
»Ja.«
»Ich hab nicht gewusst«, sagte der Junge nun nachdenklich, »dass du tatsächlich ein Krüppel bist. Dein anderer Fuß ist aber heil, oder? Nur dein linker ist krumm.«
»Ja. Aber das geht dich nichts an.«
»Vielleicht nicht. Oder vielleicht doch. Wie ist das passiert?«
»Ein Pferd ist auf mich draufgefallen.« Ein Pferd, vor dem sein Vater ihn gewarnt hatte. Das Pferd war mit ihm durchgegangen, dann über einen Graben gesprungen und gestürzt. Dabei war sein linkes Bein unter dem Pferd eingeklemmt und zerquetscht worden.
»Hast du noch Brüder?«
»Nein. Nur Schwestern.«
»Genau wie man mir gesagt hat. Es wird immer verkrüppelt bleiben, dein Bein, nicht wahr?«
»Ich glaube schon.«
»Was’n Jammer.« Er grinste Harold sonderbar an. »Aber missversteh mich nicht: Das mit deinem Bein ist mir egal. Ich hoffe, du hast Höllenschmerzen. Mir war nur lieber, du wärst kein Krüppel, wenn du erwachsen bist.«
»Wieso?«
»Weil ich dich dann umbringe. Sigurd heiß ich übrigens.«
Dann drehte er sich um und zwängte sich mit schnellen Schritten zurück durch die Menge; und Harold war so verblüfft, dass der dunkelhaarige Junge, als er versuchte, ihm hinterherzurennen, bereits verschwunden war.
»Du weißt also, wer das war?« Harold hatte seinem Vater von dem seltsamen Vorfall erzählt. Nun machte dieser ein ernstes Gesicht.
»Ja.« Dann hielt er inne. »Wenn es der Junge ist, den ich meine, dann kommt er aus Waterford. Er ist ein Däne.«
Die erste norwegische Siedlung in Dyflin hatte erst zehn Jahre existiert, als die dänischen Wikinger anrückten. Seit sie die nördliche Hälfte von England in ihrer Gewalt hatten, waren sie auch um die irische Küste herumgestreift und hatten nach Orten gesucht, die sie plündern und besiedeln konnten. Die Handelsniederlassung, welche die Wikinger aus Norwegen an der Liffey aufgebaut hatten, sah einladend aus. Mit Waffengewalt rückten die Dänen an und verkündeten den Norwegern: »Wir sind gekommen, um diesen Ort mit euch zu teilen.« Danach war man am Hafen eine Generation lang weiter seinen Geschäften nachgegangen, jedoch unter verschiedenen Herren: bald unter Norwegern, bald unter Dänen, bald unter der Herrschaft von beiden. Aber obwohl es in der Gegend noch immer viele rothaarige norwegische Siedler wie Harold und seine Familie gab, waren es nun die dänischen Wikinger, die seit jüngster Zeit über Dyflin und viele andere irische Häfen herrschten.
»Aber warum sollte er mich umbringen wollen?«, fragte der Junge.
Sein Vater seufzte tief. »Das ist eine Geschichte, die lange zurückliegt, Harold«, begann er. »Du weißt doch, dass die Ostmänner von Dyflin immer einen ganz besonderen Feind hatten? Ich meine natürlich den Hochkönig.«
Sogar jetzt, sechs Jahrhunderte nachdem Niall der Neun Geiseln Anspruch auf das Hochkönigtum in Tara erhoben hatte, hatten seine Nachfahren, der Clan der O’Neills, wie sie sich nannten, die Hochkönigwürde immer noch in ihrem Besitz und beherrschten die nördliche Hälfte der Insel. An den nördlichen und westlichen Küsten, die der direkten Herrschaft der O’Neills unterstanden, hatten die Wikinger niemals Fuß fassen können; und die Existenz des unabhängigen Wikingerhafens an der Liffey war dem alten Clan stets ein Dorn im Auge gewesen. Denn es hatte nicht lange gedauert, bis der wikingische Herrscher sich dort wie einer der irischen Provinzkönige zu gebärden begann. Der letzte »König von Dyflin«, wie er sich eigenmächtig titulierte, hatte eine Prinzessin von Leinster geheiratet; sein Territorium hatte ganz Fingal umfasst. »Und am liebsten hätte er die Herrschaft über das ganze Land bis zum Boyne und darüber hinaus haben wollen«, hatte Harolds Vater einmal seinem Sohn gesagt. Kein Wunder, dass die mächtigen O’Neills voller Hass auf die Neuankömmlinge herabblickten. Seit sie mit der Besiedelung begannen, war der O’Neill–Hochkönig etwa alle zehn Jahre angerückt und hatte versucht, die Wikinger fortzujagen. Einmal, vor achtzig Jahren, war es den Iren tatsächlich gelungen, den Ort niederzubrennen, und die Wikinger waren abgezogen, wenn auch nur für wenige Jahre. Bei ihrer Rückkehr hatten die Nordmänner auf dem Höhenrücken zwischen der Furt Ath Cliath und dem Teich Dubh Linn eine neue Siedlung errichtet, doch diesmal mit einem starken Wall, einem Palisadenzaun und einer festen Holzbrücke über den Fluss. Aber der gegenwärtige O’Neill–König war ein entschlossener Mann. Vor einem Jahr hatte er in einer großen Schlacht bei Tara die Nordmänner von Dyflin geschlagen. Harolds Vater hatte nicht an diesem Kampf teilgenommen, aber danach hatten er und Harold gesehen, wie die Streitwagenkolonne des irischen Königs die lange Holzbrücke über den Liffey überquerte. Der König war mehrere Monate lang in Dyflin geblieben; aber dann war er wieder abgezogen, hatte ganze Wagenladungen an Gold und Silber mitgenommen, und Dyflin befand sich wieder unter einem Wikinger–Herrscher. Der Hafen musste dem irischen König nun einen Tribut entrichten, aber ansonsten gingen die Geschäfte weiter wie bisher.
»Vor langer Zeit«, begann sein Vater, »als Dyflin noch norwegisch war, hatte uns der Hochkönig in einem bestimmten Jahr angegriffen. Und er bestach einige Dänen, ihn dabei zu unterstützen. Hast du schon mal von dieser Geschichte gehört?«
Harold schüttelte den Kopf.
»Da gab es eine besonders raue Dänenhorde, die die nördlichen Inseln mit ihren Raubzügen verunsicherte. Sie waren übles Gesindel. Selbst die anderen Dänen gingen ihnen aus dem Weg. Doch der Hochkönig nahm Kontakt mit ihnen auf und bot ihnen eine Belohnung an, wenn sie ihm helfen würden, Dyflin anzugreifen.« »Und das haben sie tatsächlich getan?«
»Oh ja.« Sein Vater schnitt eine Grimasse. »Wir haben sie zurückgeschlagen. Aber es war eine hässliche Geschichte. Bei diesem Überfall verlor mein Großvater – er war damals noch ein Kind – seinen Vater.«
Harold hörte gebannt zu. Er hoffte, dass sein Vorfahre nicht ehrlos gestorben war.
»Er wurde getötet, nachdem die Schlacht bereits beendet war«, fuhr sein Vater fort. »Ein Däne tauchte auf, erstach ihn von hinten und rannte davon. Dieser Däne hieß Sigurd, Sohn des Sweyn. Sogar seine eigenen Männer verachteten ihn wegen dieser Tat.«
»Und sie wurde nicht gerächt?«
»Nicht zu jener Zeit. Sie kamen ungestraft davon. Aber Jahre später, als mein Großvater sich an Bord eines Schiffs befand und mit den Inseln im Norden Handel trieb, sah er eines Tages ein Langboot in einem Hafen liegen, und man sagte ihm, dass es Sigurd und seinem Sohn gehörte. Also forderte er ihn zum Kampf. Sigurd war damals bereits ein alter Mann, aber immer noch bei Kräften; und sein Sohn befand sich im gleichen Alter wie mein Großvater. Und so war Sigurd bereit zu kämpfen, jedoch unter der Bedingung, dass mein Großvater, wenn er selbst den Tod fand, auch noch gegen seinen Sohn kämpfen müsse. Und mein Großvater schwor: ›Ich werde euch beiden die Köpfe abschlagen, Sigurd, Sohn des Sweyn, und wenn du noch mehr Söhne hättest, würde ich auch ihre als Trophäen mit nach Hause nehmen.‹ Da es da bereits Abend war, kamen sie überein, am nächsten Morgen zu kämpfen, sobald über der See die Sonne aufgegangen war. Also begab sich mein Großvater bei Tagesanbruch zu der Stelle, an der das Schiff der beiden lag; aber als er nahte, stießen sie vom Ufer ab und begannen aufs Meer hinauszurudern. Und dabei lachten sie ihn aus und brüllten ihm Beleidigungen zu. Da rannte mein Großvater zu seinem eigenen Schiff und bat die Leute, Sigurd zu verfolgen; aber sie weigerten sich, und er konnte nichts tun. Aber alle hatten gesehen, was geschehen war; und Sigurd und sein Sohn wurden auf allen nördlichen Meeren als Feiglinge bekannt.
Im Laufe der Jahre hörte mein Großvater immer wieder etwas von ihnen. Eine Weile befanden sie sich auf der Isle of Man, die zwischen uns und Britannien liegt; dann in England, in York. Aber sie ließen sich nie in Dyflin blicken. Und nachdem mein Großvater gestorben war, hörten wir nichts mehr von ihnen. Bis vor fünf Jahren, als ein Kaufmann mir erzählte, dass Sigurds Enkel in Waterford lebt. Ich habe daran gedacht, dorthin zu fahren, aber…«
Er zuckte die Schultern. »Das alles ist schon viel zu lange her. Ich dachte mir, der Enkelsohn in Waterford weiß vielleicht überhaupt nichts von der Sache. Ich betrachtete sie als erledigt und machte mir ihretwegen keine Sorgen mehr – bis heute.«
»Aber Sigurds Familie hat sie nicht vergessen.«
»Offenbar nicht.«
»Wenn du dich entschlossen hast, sie zu vergessen, warum hat es dann dieser Junge nicht auch getan?«
»Seine Familie verlor damals ihre Ehre, Harold, nicht die unsere. Er scheint zumindest mehr Stolz als seine Vorfahren zu besitzen. Diese hat ihr übler Ruf nie bekümmert; aber ihn offensichtlich schon. Daher muss er sich für ihre Schande rächen, indem er dich tötet.«
»Er will mir den Kopf abschlagen und ihn allen Leuten zeigen?«
»Ja.«
»Also werde ich eines Tages gegen ihn kämpfen müssen?«
»Es sei denn, er ändert seine Meinung. Aber das glaube ich nicht.«
Harold überlegte. Er hatte ein wenig Angst; aber wenn dies sein Schicksal war, dann musste er tapfer sein, und das war ihm bewusst.
»Was soll ich also am besten tun, Vater?«
»Dich auf die Stunde der Wahrheit vorbereiten.« Sein Vater sah einen Augenblick zu ihm herab. »Wenn du kämpfst, Harold, dann wirst du siegen.«
* * *
Goibniu, der Schmied, starrte auf den Grabhügel und packte seinen Sohn am Arm. »Sieh dir das gefälligst an!«
Der sechzehnjährige Junge begriff nicht, was seinen Vater so zornig stimmte. Angestrengt versuchte er herauszufinden, wohin sein Vater genau schaute.
Die prähistorischen Grabhügel über dem Boyne hatten sich seit Patricks Zeiten nicht wesentlich verändert. Hie und da hatten sich einige weiter abgesenkt. Die Eingänge waren inzwischen verschüttet; aber davor lagen noch zahlreiche weiße Quarzsteine auf dem Boden und funkelten auf, sobald das Sonnenlicht sie traf. In den Wassern des Boyne unterhalb der Hügel gingen die Lachse und Schwäne immer noch ihrem lautlosen Treiben nach. Aber irgendetwas hatte Goibniu missfallen. Anders als sein ferner Vorfahre konnte der Schmied mit beiden Augen sehen. Aber sobald er etwas eingehender betrachtete, pflegte er ein Auge zu schließen und durch das andere zu schielen, das dabei ungewöhnlich weit aufgerissen wirkte. Dieser Blick verunsicherte die Leute stark, und dies nicht ohne Grund, denn nie entging ihm etwas.
»Sieh dir den Gipfel an, Morann.« Goibniu hielt den Arm seines Sohns mit einem Griff, so fest wie ein Schraubstock, während er ungeduldig auf die Stelle zeigte, die er meinte.
Und nun sah der junge Mann, dass der Gipfel eines der Grabhügel aufgewühlt worden war. Mehrere grob geschichtete Steinhaufen auf der Graskuppel verrieten, dass jemand versucht hatte, von oben in die Grabkammer einzubrechen.
»Barbaren! Heiden!«, schrie der Schmied. »Das sind die verfluchten Ostmänner gewesen.«
Etwa ein Jahrhundert davor hatte eine Bande von Wikingern herausfinden wollen, wie die riesigen Grabanlagen konstruiert waren und ob sie irgendeinen Schatz enthielten. Da sie nicht wussten, dass es an der Seite einen verborgenen Eingang gab, hatten sie mehrere Tage lang versucht, von oben hineinzugelangen.
»Haben sie was erbeutet?«, fragte Morann.
»Nein, das nicht. Je tiefer du eindringst, desto größer werden die Steine. Ich habe nachgesehen. Irgendwann haben sie aufgegeben.« Er verfiel einen Moment lang in Schweigen und platzte dann heraus: »Wie können sie es wagen, sich an den Göttern zu vergreifen!«
Streng genommen hatte er keinen Grund, sich aufzuregen. Obwohl die Familie des Schmieds wie viele andere nach Patricks Missionstätigkeit noch mehrere Generationen lang standhaft geblieben war, bevor sie widerwillig die neue Religion annahm, war sie nun seit fast vier Jahrhunderten christlich. An den Festtagen begab sich Goibniu in die Kirche des nahe gelegenen Klosters und empfing feierlich die heilige Kommunion. Seine Familie war stets davon ausgegangen, dass der Schmied ein treuer Sohn der Kirche war. Aber wie die meisten Gläubigen auf der Insel hing er immer noch an den alten Traditionen: Heidentum stirbt nie ganz aus. Die meisten der heidnischen Bräuche der Saatzeit und der Ernte waren unter neuen Namen bereits in den christlichen Kalender aufgenommen worden; und sogar an manche der alten Initiationsrituale, die mit der Krönungsweihe der Könige verbunden waren – wie etwa die Vereinigung mit einer Stute –, erinnerte man sich noch voller Stolz. Die alten Götter waren vielleicht keine Götter mehr, sondern nur noch »Götzen und Lügen«, wie die christlichen Priester sagten. Sie waren vielleicht nur noch Sagen, die von Barden vorgetragen wurden. Oder sie wurden vielleicht mit dem Segen der Kirche als Helden der Vorzeit, als außergewöhnliche Männer betrachtet, und Dynastien wie die mächtigen O’Neills durften behaupten, dass sie von ihnen abstammten. Aber was immer sie gewesen waren, sie gehörten zu Irland, und die Seeräuber aus dem Norden hatten kein Recht, ihre heiligen Stätten zu entweihen.
Morann schwieg verlegen. Sein Vater war von seinem Pferd gesprungen, und zusammen mit seinem Sohn umschritt er die Gräber. Vor dem größten stand der berühmte Stein mit seinen rätselhaften eingravierten Spiralen, und sie hielten beide inne und blickten staunend auf dieses mystische Objekt.
»Früher hat unser Volk hier ganz in der Nähe gelebt«, brummte der Schmied betrübt. Vor zwei Jahrhunderten war ein Vorfahre von ihm zwei Tagesreisen weit nach Nordwesten in die Gegend voller kleiner Seen gezogen, in der die Familie nun lebte. Unverkennbar bedeutete der Stein mit seinen kosmischen Spiralen für Goibniu so etwas wie eine Heimkehr.
Erst jetzt traute sich sein Sohn die Frage zu stellen, die ihm schon die ganze Zeit auf der Seele lag: »Wenn du die Ostmänner so sehr hasst, Vater, warum bringst du mich dann zu ihnen, damit ich bei ihnen lebe?«
Dies schien eine ganz natürliche Frage zu sein; aber anstatt zu antworten, blickte der Schmied ihn nur düster an und brummte: »Was für einen Narren hab ich nur zum Sohn« und verfiel wieder in Schweigen. Erst nach einer langen Pause entschloss er sich zu ausführlicheren Erklärungen.
»Wer hat die größte Macht auf der Insel?«, fragte Goibniu.
»Der Hochkönig, Vater.«
»Genau. Und ist es nicht wahr, dass die Hochkönige von einer Generation zur anderen versucht haben, die Ostmänner aus Dubh Linn zu vertreiben?«
»Ja, das haben sie, Vater.«
»Aber letztes Jahr, als der Hochkönig eine große Schlacht bei Tara gewonnen und sie zur Liffey hinuntergetrieben hat wo er sie mühelos für immer hinausjagen hätte können da ließ er sie dort bleiben und machte sie stattdessen tributpflichtig. Warum wird er das wohl getan haben, was meinst du?«
»Er hat wohl mehr davon, wenn er von ihnen Tribut verlangt, als wenn er sie hinauswirft.«
»Genau so ist es. Ein Hafen ist eine wahre Goldgrube. Die Häfen der Ostmänner bringen Wohlstand ins Land. Du hast mehr davon, wenn du sie im Lande behältst, als wenn du sie vertreibst.« Er schwieg einen Augenblick. »Und ich sage dir noch etwas. Ist die Macht des O’Neill–Clans heute noch so groß, wie sie früher einmal war?«
»Nein, das ist sie nicht mehr.«
»Und warum nicht?«
»Weil sie sich untereinander zerstritten haben.« Bis zu einem gewissen Punkt traf das zu. Vor langer Zeit hatte sich das mächtige Königshaus in zwei Linien, die so genannten nördlichen und südlichen O’Neills, gespalten. Lange hatten diese beiden Linien Streitigkeiten vermieden, indem sie die Königswürde im Wechsel untereinander teilten. Aber in den jüngsten Generationen war es zu Auseinandersetzungen gekommen. Andere Mächte auf der Insel, vor allem die Könige von Munster im Süden, hatten sich von der altehrwürdigen Autorität der O’Neills gelöst. Ein junger Clan–Häuptling von Munster namens Brian Boru schien vor keiner der fest etablierten Königsherrschaften auch nur den geringsten Respekt zu haben und ernsthaft bereit zu sein, für Unruhe zu sorgen. Die O’Neills waren zwar immer noch mächtig – schließlich hatten sie gerade die Wikinger von Dubh Linn geschlagen! –, aber wie ein riesiger Stier begann die gewaltige Macht des Clans Anzeichen von Altersschwäche zu zeigen.
»Als die Ostmänner erstmals unsere Küsten anzugreifen begannen, waren die O’Neills noch so stark, dass die Ostmänner an den Küsten ihres Gebietes keinen einzigen Hafen anlegen konnten. Nicht einen einzigen. Alle Häfen der Ostmänner liegen daher weiter im Süden. Aber gerade das gereicht den O’Neills auf Dauer zum Nachteil. Je mehr Häfen ein König besitzt, desto mehr Reichtum und Macht besitzt er, sofern er sie unter seiner Kontrolle hat. Die O’Neills haben das Pech, dass die Häfen nicht in ihrem Gebiet liegen. Das ist der Grund, weshalb sie unbedingt Dubh Linn brauchen, den reichsten Hafen.«
»Daher willst du also, dass ich dort lebe?«
»So ist es.« Goibniu blickte seinen Sohn ernst an. Manchmal glaubte er, der Junge sei zu vorsichtig. Aber das könnte auch zu seinem Besten sein. Wieder zeigte er auf den Grabhügel und seine aufgebrochene Kuppel. »Lieben werde ich die Ostmänner nie. Aber in Dubh Linn liegt die Zukunft, Morann, und daher gehst du nun dorthin.«
* * *
Caoilinn tanzte. Ein schlankes Mädchen mit langem schwarzem Haar und Beinen, zierlich wie dünne Stöckchen. Sie tanzte einen shuffle oder kleinen Schleifer. Und Osgar sah ihr zu und fragte sich, ob sie wirklich heute heiraten würden.
In der Wikingerstadt Dyflin stieß man auf Holz, wohin man auch blickte. Die engen Straßen, die über die unebenen Abhänge hinauf– und hinunterführten, waren mit gespaltenen Baumstämmen gepflastert; in den gewundenen Gässchen und Durchgängen stieg man über Bretter. All diese Wege waren auf beiden Seiten gesäumt von Zäunen aus Flechtwerk oder Pfählen, hinter denen man die strohbedeckten Dächer der rechteckigen Wohnhäuser mit ihren Wänden aus Weidengeflecht aufragen sah. Manche Anwesen hatten auch Ställe für Schweine, Hühner und sonstige Tiere, in anderen waren Werkstätten untergebracht.
Ein Erdwall mit einem hölzernen Palisadenzaun darauf umschloss die Stadt. Außerhalb der Palisade säumte an der Hafenseite ein solide befestigtes Holzquay das Ufer, an dem mehrere Langschiffe vertäut waren. Flussaufwärts gleich dahinter befand sich die lange Holzbrücke und ein Stück weit hinter dieser die Hürdenfurt. Die irische Bevölkerung nannte den Ort zumeist noch bei seinem alten Namen Ath Cliath, obwohl sie den Fluss häufiger auf der Wikinger–Brücke als über die keltische Furt überquerten. Caoilinn war Irin, aber sie nannte die hölzerne Stadt Dyflin.
Plötzlich wandte sie ihre grünen Augen Osgar zu. »Sollen wir zum Kloster rübergehen?«
»Meinst du wirklich?«, fragte er. Sie war neun und er war elf Jahre alt. Er hatte ein besseres Gefühl dafür, was sich schickte und was nicht.
»Los, komm schon«, rief sie; er schüttelte amüsiert den Kopf und folgte ihr. Er war sich immer noch nicht sicher, ob er heiraten sollte.
Das kleine Kloster lag auf dem Abhang direkt im Süden des Höhenrückens, von dem aus einst der alte Rath des Fergus den dunklen Teich von Dubh Linn überblickt hatte. Es war schon da gewesen, als die ersten Wikinger kamen – eine kleine Klostergemeinschaft unter dem Schutz der Ui Fergusa, der Nachfahren des alten Häuptlings. In den Jahrhunderten nach Fergus’ Tod hatten andere kleine Häuptlinge an verschiedenen Stellen der weiten Ebene an der Liffey–Mündung Raths errichtet, und ihre Namen hatten überlebt. Rathmines, Rathgar, Rathfarnham – all diese Orte lagen nur wenige Meilen voneinander entfernt. Der alte Rath des Fergus lag nun innerhalb der Mauern von Dyflin, aber der kleine Clan der Ui Fergusa war in der Gegend immer noch so anerkannt, dass er die Häuptlinge stellte, und sie besaßen in der Nähe ein Bauerngehöft.
Als Osgar über den dunklen Teich und die von hölzernen Mauern eingefasste Wikingersiedlung dahinter blickte, fühlte er sich von einer beruhigenden Wärme durchströmt. Hier war sein Zuhause.
Als die norwegischen Wikinger erstmals hier auftauchten, hatte sein Vorfahre, der damalige Häuptling der Ui Fergusa, in weiser Voraussicht auf sinnlosen Widerstand verzichtet. Ein weiterer Glücksumstand war es gewesen, dass jener Herr über den Rath wie Fergus lange vor ihm ein hervorragender Viehhändler war. Kaum waren die Wikinger an den Ufern der Liffey–Mündung gelandet, begannen sie sich bereits nach Nachschub umzusehen. Nachdem er seine Herden weit verstreut in Sicherheit gebracht hatte, wo sie schwer zu finden waren, machte sich der Viehhändler bei ihnen in jeder Weise nützlich, versorgte sie zu fairen Preisen mit Getreide, Fleisch und Vieh. Mochten die Wikinger auch Seeräuber sein, so waren sie doch auch Kaufleute, und daher respektierten sie ihn. Trotz seines christlichen Glaubens hatte dieser Nachfahre des Fergus immer noch voller Stolz den alten Trinkschädel der Familie aufgehoben. Darunter konnten sich die Wikinger etwas vorstellen. Schon bald lernte er so viel von ihrer Sprache, dass er mit ihnen Geschäfte machen konnte, und sorgte dafür, dass keiner seiner Leute ihnen Grund zu Klagen gab. Er wurde zu einer angesehenen Person. In der Umgebung gab es genügend offenes Land – daher bestand für die Wikinger keine Notwendigkeit, den alten Häuptling von seinem Territorium zu vertreiben. Und wenn er das kleine Kloster, dessen einzigen wertvollen Gegenstand sie ohnehin bereits geraubt hatten, unbedingt behalten wollte, so hatten die heidnischen Nordmänner auch dagegen nichts einzuwenden. Das Kloster zahlte ihnen eine kleine Pacht. Die Mönche waren in der Heilkunde bewandert, weshalb Wikinger aus der Siedlung sich hin und wieder dorthinauf schleppten, um sich behandeln zu lassen. Und so kam es, dass Osgars Familie die Jahrhunderte hindurch an der alten Furt Ath Cliath überlebt hatte.
Die beiden Kinder näherten sich der Klosterpforte, und ein betagter Mönch empfing sie.
»Ich denke«, sagte Caoilinn, »heute möchte ich gern in der Kirche heiraten.« Und sie trat zu dem alten Mönch und fragte ihn höflich: »Ist der Abt im Hause, Bruder Brendan?«
»Nein, ist er nicht«, lautete die barsche Antwort. »Er ist mit seinen Söhnen zum Angeln gegangen.«
»Dann dürfen wir die Kapelle nicht benutzen«, sagte Osgar entschieden zu seiner Freundin, »sonst bekommen wir Schwierigkeiten mit meinem Onkel.« In solchen Dingen war der Abt unerbittlich. Er erlaubte den Kindern, die Kapelle in den Zeiten zu betreten, wo dort kein Gottesdienst stattfand. Aber wenn sie sich heimlich und ohne Erlaubnis dort hineinschlichen, konnten sie sich darauf gefasst machen, dass sie seinen Riemen auf ihrem Hinterteil zu spüren bekamen.
Dass Osgars Onkel, der Abt, verheiratet war und Kinder hatte, war keineswegs ein Zeichen von losen Sitten in dem Kloster. Seit die Ui Fergusa, etwa zwei Jahrhunderte nach Bischof Patricks Besuch, einer Gruppe von Mönchen gestattet hatte, sich in der Nähe ihres Raths anzusiedeln, hatte sich die Familie auch selbst mit dem Kloster verbunden. Denn was wäre natürlicher gewesen, wenn im Laufe der Generationen hin und wieder ein Mitglied der Familie die Sehnsucht nach einem kontemplativen Leben verspürte, als dass es dann in ihr eigenes Kloster eintrat? Dies war sogar ihrem Ruhm förderlich: Denn genau wie ihre Vorfahren zuweilen Druiden geworden waren, schätzten es die größten Familien auf der Insel, wenn zuweilen eines ihrer Mitglieder im geistlichen Stand vertreten war. Und es war auch nur natürlich, dass sich die Ui Fergusa als Beschützer der Mönche betrachtete.
»Also gut«, sagte Caoilinn mürrisch, »dann müssen wir es eben woanders machen. Dann gehen wir zum Grabhügel«, erklärte sie. »Hast du den Ring dabei?«
Er griff in den Lederbeutel, der an seinem Gürtel hing, und holte den kleinen Ring aus Hirschhorn hervor, mit dem er sie schon mindestens ein Dutzend Mal geheiratet hatte.
»Gut, dann komm«, sagte sie.
Dieses Heiratsspiel währte nun schon bald ein Jahr: Caoilinn schien es niemals leid zu werden. Und er wusste immer noch nicht: War es nur ein Spiel ohne tiefere Bedeutung, oder lauerte eine ernste Absicht dahinter? Immer war er derjenige, den sie sich zum Bräutigam erwählte. Tat sie das nur, weil er ihr Vetter war und das Spiel mitspielte, oder vielleicht aus Angst, einer der anderen Jungen hätte sie womöglich ausgelacht? Wahrscheinlich. Und er? Genierte er sich nicht dabei? Eigentlich nicht. Er konnte es mit einem Achselzucken abtun. Sie war ja nur seine kleine Base. Wie dem auch sei, Osgar mochte zwar ein wenig dürr sein, aber er war größer als die anderen Jungen seines Alters, und er war stark. Die anderen Kinder begegneten ihm mit vorsichtigem Respekt. Gewöhnlich ging er auf Caoilinns Antrag ein. Einmal, als er gerade beschäftigt war, hatte er ihr den Laufpass gegeben, woraufhin sie erst ein enttäuschtes Gesicht machte und mit trotzig erhobenem Kopf erwidert hatte: »Gut, wenn du mich nicht heiraten willst, dann muss ich mir eben einen ändern suchen.«
Da hatte er sich schließlich erweichen lassen: »Nein, ich will dich doch heiraten.« Dann schon lieber er selbst als irgendein anderer!
Der Grabhügel war nicht weit entfernt. Er erhob sich auf einer Grasfläche ein Stück weit entfernt von dem Sumpfgebiet, das sich flussabwärts hinter dem Zufluss des schwarzen Teichs erstreckte. Als die Wikinger sie zum ersten Mal sahen, hatten sie diese Stelle Hoggen Green getauft, was so viel wie »Friedhof« bedeutete; und wie es die Völker aus dem Norden häufig taten, wenn sie einen heiligen Ort in der Nähe einer Siedlung fanden, benutzten sie Hoggen Green für ihre Versammlungen, bei denen die freien Männer der Stadt zusammenkamen, um Rat abzuhalten und um ihre Anführer zu wählen. Und so kam es, dass der Grabhügel, der die letzte Ruhestätte des alten Fergus war, ausgebaut und als Plattform verwendet wurde, auf der sich die Wikingerhäuptlinge zu treffen pflegten, um ihre Versammlungen abzuhalten, während die Gräber seiner Nachkommenschaft, darunter Deirdre sowie Morna und seine Kinder, allmählich im Boden versanken, bis sie aus dem Rasen der Versammlungsstätte der Wikinger nicht mehr herausragten. Da diese Versammlung als das »Thing« bezeichnet wurde, hatte das Grab des alten Fergus in jüngster Zeit einen neuen Namen erhalten und wurde nun Thingmount genannt.
Und so standen die beiden Kinder vor dem Thingmount und bereiteten sich auf ihre Hochzeit vor. Diese Heirat war, wie sie beide wussten, zulässig. Sie waren Cousin und Cousine zweiten Grades: Caoilinns Großvater war Handwerker geworden und nach Dyflin gezogen, während der von Osgar auf dem Hof der Familie bei dem Kloster geblieben war.
Der stattliche alte Thingmount an dem stillen Fluss war ein dem Anlass angemessener Ort. Denn beide wussten, dass ihr Vorfahre einst aus seiner Tiefe auferstanden und von keinem Geringeren als Sankt Patrick persönlich getauft worden war. Und nicht nur Osgar, auch die erst neun Jahre alte Caoilinn konnte ohne Mühe die fünfundzwanzig Generationen auswendig aufzählen, die sie mit dem Alten verbanden.
Wie immer hatte Osgar gleichzeitig die Rolle des Bräutigams und die des Priesters zu spielen. Da sein Vater vor vier Jahren gestorben war, hatte sich sein Onkel, der Abt, seiner Erziehung angenommen. Zur großen Freude seiner Mutter, die sich vier bis fünf Mal täglich zum Gebet auf die Knie niederließ, wusste er nicht nur seinen Katechismus und viele Psalmen auswendig, sondern er konnte auch große Teile der kirchlichen Messen vortragen. »Du hast eine Begabung für das geistliche Leben«, hatte sein Onkel ihn gelobt. Und er konnte, wenn auch ein wenig stockend, Lateinisch lesen und schreiben. Tatsächlich hatte Osgar, wie der Onkel seiner stolzen Mutter bestätigte, für diese Dinge eine größere Eignung als seine eigenen Söhne gezeigt.
Jetzt stand der Junge vor Caoilinn und sprach erst die Formeln des Priesters, um dann auch noch die entsprechenden Antworten des Bräutigams zu geben. Er steckte dem Mädchen den Hirschhornring an den Finger und küsste sie keusch und züchtig auf die Wange. Anschließend hakte Caoilinn sich bei ihm unter und stolzierte glücklich umher. Sie trug den Ring immer bis zum Schluss ihres gemeinsamen Spiels, und wenn sie sich dann wieder trennten, gab sie ihn Osgar zurück, der ihn sicher bis zum nächsten Mal in seinem Beutel verstaute.
Dass sie Cousin und Cousine waren, konnte man sehen. Sie hatten das gleiche dunkle Haar und die gleichen feinen Gesichtszüge. Aber während Osgars Augen tief blau waren, schimmerten ihre leuchtend grün. Er wusste, dass es in der Familie grüne Augen gegeben hatte, aber von all seinen Verwandten besaß gegenwärtig nur Caoilinn solche, und daher schien sie etwas Besonderes zu sein. Ihre gemeinsamen Vorfahren hatten, so empfand er es, ein familiäres und zugleich magisches Band zwischen ihnen geknüpft. Er konnte es sich nicht recht erklären, aber er hatte das Gefühl, als seien sie in einer Welt, aus der andere Familien auf eine gewisse Art ausgeschlossen waren, füreinander bestimmt. Aber selbst wenn sie nicht miteinander verwandt gewesen wären, hätte Osgar ihren wilden, freien Geist bewundert. Die Erwachsenen, seine Onkel und Tanten, hatten ihn stets als das verantwortungsvollste aller Kinder der weit verzweigten Familie betrachtet. Als den Jungen, der einmal die Führung übernehmen würde. Warum das so war, wusste er nicht genau. Vielleicht war dies der Grund, weshalb er sich für den Schutz seiner kleinen Cousine Caoilinn, die ständig tat, wonach ihr gerade der Sinn stand, und auf die höchsten Bäume kletterte, immer besonders verantwortlich gefühlt hatte und weshalb er darauf bestand, dass er sie heiraten würde. Denn tief in seinem Herzen wusste er, dass er sich nicht vorstellen konnte, einmal ein anderes Mädchen zur Frau zu nehmen.
Sie spielten noch eine Weile am Thingmount und an den Ufern eines kleinen Flusses, der ganz in der Nähe durch das Gras lief; dann wurde es Zeit, zurückzukehren. Caoilinn hatte sich gerade den Ring abgestreift und ihn Osgar zurückgegeben, als sie zwei Gestalten bemerkten, die sich in ihrer Richtung näherten. Der eine war ein großer rothaariger Mann auf einem prächtigen Ross; der andere ein rothaariger Junge auf einem Pony.
»Wer mögen die beiden sein?«, fragte Osgar seine Gefährtin. Meistens kannte sie die Leute, die sich in dieser Gegend blicken ließen.
»Ostmänner. Norweger. Sie sind schon lange hier«, sagte sie. »Sie leben in Fingal draußen, aber manchmal zieht es sie nach Dyflin hinein. Reiche Bauern.«
»Oh, verstehe.« Er glaubte das Bauerngehöft zu kennen und blickte neugierig nach den zwei Reitern, denn er nahm an, dass sie gekommen waren, um den Thingmount zu besuchen. Aber zu seiner Überraschung blickten die zwei Gestalten zwar eine Weile zum Hügel, schwenkten dann aber plötzlich in die Richtung der Liffey–Mündung ab und begannen in das flache Uferwasser zu reiten. »Ah, sie reiten wohl zu dem Stein hinaus«, sagte er.
Es war ein sonderbarer Anblick. Draußen im Watt stand wie ein einsamer Wachposten auf weiter Flur, mit dem Geschrei der Meeresvögel als einziger Gesellschaft, ein einzelner aufrechter Stein oder Menhir. Dahinter gab es nur Morast und Meerespriele; der Long Stone, wie er genannt wurde, war von den Wikingern hierher gesetzt worden, um die Stelle zu markieren, an der vor eineinhalb Jahrhunderten ihr Langschiff zum ersten Mal an den Ufern des Liffey auf dem Strand aufgelaufen war. In den beiden Norwegern, so vermutete Osgar, dürfte der »Lange Stein« ähnliche Erinnerungen an die Ahnen erwecken wie in ihm das Grab des alten Fergus.
Keine Frage, dachte er, der hünenhafte Ostmann mit seinem roten Haar war ein prächtig aussehender Mann. Und als hätte sie seine Gedanken erraten, hörte er Caoilinn neben sich bemerken: »Der Junge heißt Harold. Er ist ein schmucker Knabe.«
Warum sollte dies einen Misston zwischen ihnen aufbringen? Sicher war er ihr einfach irgendwo in Dyflin aufgefallen. Und warum sollte der Norwegerjunge auch nicht schmuck aussehen?
»Sind sie Christen oder Heiden?«, fragte er wie nebenbei.
Die meisten der Wikinger in Dyflin waren noch Heiden. Aber die Fronten begannen allmählich zu bröckeln. Die Iren, die innerhalb der Stadtwälle wohnten, waren wie Caoilinn und ihre Familie natürlich Christen. Jenseits des Meeres, in England, in der Normandie und in anderen Ländern, wo sie ihre Stellung neben anderen christlichen Herrschern behaupteten, hatten sich die Wikingerhäuptlinge und ihr Gefolge meist das Prestige und die Anerkennung zunutze gemacht, die aus der Zugehörigkeit zur Kirche erwuchsen. Aber in Irland war es noch etwas anders. Menschen, die auf den Meeren zu Hause sind und Handel treiben, lernen häufig, in jedem Hafen andere Götter zu respektieren. Die alten Wikingergötter wie Thor und Wodan waren daher noch höchst lebendig. Und wenn ein Händler in Dyflin einen Gegenstand um den Hals hängen hatte, der entfernt wie ein Kreuz aussah, konnte man nie sicher sein, ob es sich um ein Kruzifix oder um den Hammer, das Symbol des Thor, handelte.
Und doch war eines sicher. Die Familie seiner Cousine Caoilinn bestand aus ebenso frommen Christen wie seine eigene. Man würde es Caoilinn nie erlauben, einen Heiden zu ehelichen, egal, wie reich er war oder wie schmuck er auch aussah.
»Keine Ahnung«, antwortete sie auf seine Frage, und darauf trat ein kurzes Schweigen zwischen ihnen ein. »Außerdem ist der Junge ein Krüppel«, fügte sie wie nebenbei hinzu. »Ach. Der Arme«, sagte Osgar.